kreuzberger dichtungswerk

Sabine Wilde, Die Katze im Gefrierfach. Erzählung

Oh, wie sie ihre Katze Auguste liebte. Sie war ein schönes Tier. Rot war sie getigert und hatte weiße Pfötchen, ungewöhnlich für eine Katze. Auguste folgte ihr aufs Wort. Sie war mehr Hund als Katze. Bei dem Ruf: Auguste sprang sie ihr in den Schoss und schnurrte gleichmäßig wie ein Staubsauger. Auguste konnte auch Kunststückchen. Sagte sie „peng“ zu ihr, schmiss sich der Stubentiger auf die Seite und spielte erschossene Katze. Sie hätte all ihr Geld dafür ausgegeben, damit das Haustier noch lange mit ihr lebte. Vor Jahren, als ihre Kinder noch klein waren, hatte sie diese auch so gerngehabt, nun aber waren sie schon 59 und 57 Jahre alt und gingen ihre eigenen Wege, außer an den Feiertagen sah sie sie nie. Enkelkinder hatte sie keine. Als sie sechzig war, hatte sie einmal einen Mann kennengelernt, er wohnte im Nachbarhaus, dieser bemühte sich sehr um sie, doch es stellten sich bei ihr nur wenig liebevolle Gefühle für ihn ein. Manchmal bekam sie ein schlechtes Gewissen: wie kann man nur ein Tier so lieben? Warum nicht einen Menschen? Doch sie konnte diese Frage nicht beantworten. Nun hatte sie eigentlich nur noch Auguste und ihre vier Jahre jüngere Schwester, mit der sie öfter spazieren ging oder Kaffee trank. Sie war vor zwei Monaten 87 Jahre geworden, die Arthritis plagte sie und zu hoher Blutdruck, doch mit ihren Medikamenten konnte sie noch den Haushalt führen. Die Katze war 17. Der Obsthändler hatte sie ihr damals geschenkt, er konnte nicht mehr für sie sorgen. Es war Liebe auf dem ersten Blick. Als das Tier sie sah, strich es gleich um ihre Beine und schnurrte, sodass ihr ganzer Körper vibrierte. Sie wusste, mit dieser Mieze würde sie alt werden.

Es war ein eiskalter Tag im November. Sie rief die Kätzin zu sich und verrückte dabei einen leicht zerkratzten Sessel. Auguste kam nicht. Sie rief wieder und wieder. Wo war das Tier? Sie suchte an seinen Lieblingsstellen, aber dort fand sie sie nicht. Sie stellte ihr Futter hin, nichts. Ihr Herz begann zu rasen, eine dunkle Ahnung fraß an ihr. Sie blickte unter die Couch, dort lag ihr Liebling, völlig apathisch. Sie lockte sie und säuselte Koseworte, doch Auguste blieb unbeweglich liegen. Aber sie lebte. Mit Tränen in den Augen rief die alte Dame die Tierärztin an. Diese versprach, nach der Sprechstunde sofort zu kommen, und sie beruhigte sich etwas, setzte sich auf den noch heilen Sessel und schaltete den Fernseher an, sie konnte dem schnulzigen Spielfilm aber nicht folgen. Dann hörte sie ein Miauen. Nicht das von einer gesunden Katze, sondern ein klägliches, hilferufendes, ersterbendes Wimmern. Sie rückte mühsam die Couch ab und sah ihre Auguste, tot. Eisenketten legten sich um ihre Brust, ihr war, als wäre sie in einem Vakuum gefangen. Noch nicht einmal schluchzen konnte sie. Nach einer gefühlten Ewigkeit zog sie das Haustier hervor und legte es auf ihr Lieblingskissen.

Sie beschloss, den Leichnam auf dem Grab ihrer Mutter einzubuddeln. Aber es war Frost, der Boden gefroren. Was sollte sie tun? Eine Idee blitzte auf. Sie würde die Katze in das Tiefkühlfach ihres Eisschrankes legen und warten, bis die Erde wieder zum Graben geeignet wäre. Sie tat es. Allerdings gab es dabei Schwierigkeiten. Die Katze war zu lang für das Gefrierfach. Sie nahm eine kleine Säge und säbelte das Hinterteil des verblichenen Tiers ab, eine Flut von Tränen verschleierte ihr Gesicht. Eigentlich wollte sie an diesem Schicksalstag noch einkaufen gehen, außer Katzenfutter war der ganze Kühlschrank leer. Doch nun ließ sie es, sie hatte sowieso keinen Hunger. Als sie zu Bett gehen wollte, war ihr übel, ihr Herz stolperte beängstigend und der linke Arm tat ihr weh. Sie nahm zwei starke Schmerztabletten und legte sich hin.

Am übernächsten Tag wunderte sich ihre Schwester, dass sie nicht aufmachte, obwohl sie verabredet waren. Sie nahm die Schlüssel der Verwandten aus ihrer Tasche und schloss die Tür auf, sie rief ihren Namen und ging vorsichtig, weil sie sie nicht erschrecken wollte, ins Wohnzimmer, dort war sie nicht. Sie schaute ins Schlafzimmer, da lag die Schwester reglos auf dem Bett mit blauen Lippen und milchbleicher Haut. Sie wusste sofort Bescheid und tätigte betroffen die notwendigen Anrufe.

Sofort kam der Sohn aus seinem 30 Kilometer entfernten Wohnort. Er wirkte nicht besonders traurig, schließlich hatte sie ja ihr Alter. Die Wohnung war aufgeräumt und, wenn man von der zerkratzten Tapete absah, gut in Schuss. Er schaute in ihre Anrichte und suchte nach Geld oder Wertgegenständen, doch außer einem nicht sehr wertvollen Ring und einer kleinen silbernen Kette fand er nichts. 15 Euro befanden sich in ihrer Geldbörse. Es war Ende des Monats und sie bekam nur eine kleine Rente. Zum Sozialamt wollte sie nicht. Das Einzige, was ihn interessierte, war ein noch fast neuer Kühlschrank mit drei Gefrierfächern, ja, den wollte er haben, alles andere, wie Fernseher und Waschmaschine, konnte seine Schwester erben. Als er fortging, war er eher gelassen als enttäuscht.

Als er den Eisschrank abholen wollte, öffnete er zunächst die Türen, eine erschreckende Leere, nur vier Dosen Katzenfutter. Er wunderte sich. Danach öffnete er die Gefrierfächer. Das zweite knallte er heftig wieder zu. Er zitterte. Das konnte doch nicht wahr sein! Eine Katze war darin ohne Schwanz und Hinterläufe, was bedeutete dieser grausige Fund. Hatte seine Mutter eine Katze geschlachtet? Hatte seine Mutter so wenig Geld, dass sie sich kein Essen leisten konnte? Er war Journalist bei der Abendpost und er hatte einen grandiosen Einfall.

Er würde über Altersarmut schreiben, eindringlich, schockierend, Mitleid heischend. Er wollte andere Menschen mit seinem Artikel aufwecken. Dem Chefredakteur würde das bestimmt gefallen.

Er schrieb den Artikel mit einer Vehemenz, dass selbst seine Vorgesetzten staunten. Viele Anteil nehmende Leserbriefe waren die Folge.

Ein profilierungssüchtiger Abgeordneter las während einer Sitzung gelangweilt den Beitrag des Sohnes in der Zeitung. Er setzte sich mit Erfolg dafür ein, dass nun alle armen Rentner 4,50 Euro mehr Grundsicherung erhielten.

Ein Kommentar

  1. Was für eine Geschichte! Schaurig und traurig, zärtlich und liebevoll.
    Gut, dass die arme Alte den Tod ihrer Katze nicht lange überleben musste. Traurig, dass es ihr nicht erspart blieb, den Körper des geliebten Tieres zu zersäbeln.
    Gut aber auch, dass du, Sabine, es deinen LeserInnen erspart hast, allzu genau darüber informiert zu werden, wie das geht: tote Katze zersäbeln. Sie macht es eben, die Alte. Ratsch, kratsch, fertig. Genauer will man das gar nicht wissen.
    Und die Pointe, herrlich. 4,50 Euro mehr. Da können die Notleidenden doch mal richtig auf die Sahne hauen!

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