kreuzberger dichtungswerk

Michael Kreutzer, Fleischwolf. Gedicht

1

In der Millimeterschlucht
die zwischen Abend liegt und Morgen
da schießt und schweigt der Pilz
da ruft die Unke, heult der Kauz
da steht und träumt ein Alter
ein Alter ohne Ego, ein Zwerg, sagt man
der dreht am Rad der Wortmaschine
als wärs das Weltenrad

2

Sie mahlt, so hört man, Kauz und Unke
zu einem Brei aus Blut und Federn
den formt der Zwerg zu Versen
und hält die dann am Spieß ins Feuer
und wenn sie kross sind, steht er auf
und liest sie lauthals vor

3

Doch hört man auch: dass die Maschine
mit dem Rad ihm Laub und Äste häckselt
zu einem Stückwerk, das er dann
auf Sand und Häute schreibt: behutsam so
dass all die Pfade und Verstecke bleiben
fürs Getier, das in den Schluchten haust:
zwischen Abend Morgen
zwischen Leere Fülle
zwischen Wort und Wort

*

Und da schreibt mir ein Kollege, ganz privat natürlich, ich schriebe wohl an meinem Faust II, da wolle er nicht stören, schreibt er und wünscht mir noch den Teufel in die Stube, weil der zum Faust gehört, und so schreib ich ihm zurück, wie ich’s mal mit dem Teufel hatte und warum ich über Vorspiele im Himmel kaum hinauskam, ich schreib ihm: Ja ja

Ja ja, der Teufel in der Stube
hielt wohl ein Blättchen auf der Hand
hat frech gelächelt, böser Bube…
Doch ich Poet bin weggerannt

und reiß seitdem nur auf – die Klappe
mein Ton ist hoch und jambenstolz
und meine Bilder sind aus Pappe
und mein Kopf aus Holz

Und ich fürchte tatsächlich, dass der Kollege recht hat, dass ich, Vorspiel für Vorspiel, meinen Lebtag an dem schreibe, was er da schäkernd meinen Faust II nennt, denn denke ich nicht auch: so ist es wohl, genau so?

3 Kommentare

  1. Buh buh, bäh bäh – dies sind keine Geräusche des Missfallens oder gar des Ekels, nein oh nein, es sind jene tränenreichen, die der Verzweiflung und die des – ja – Neides. Manchmal bist du so unglaublich gut, Michael, da könnt ich grad ausrasten. Leicht und witzig und ironisch und spöttisch und trotzdem. Ach ja, wer kennt sie nicht, diese Millimeterschluchten, unendlich weit, unendlich tief, dunkel und feucht, nach Erde riechend und Gewürm und Kauz und Kröte und Baumwurzel und Pfifferling. Und der Frechling, der alles durch den Wolf dreht, und seine Verse daraus grillt, aber doch, aber doch auch behutsam sein kann, so dass Getier und Gepflanz die gruftige Heimat nicht verlieren. Leider kenne ich meinen Faust nicht gut genug und hey, das gebe ich hier kund und zu wissen, aber nur ganz im Geheimen: Einmal, im Theater, bei Faust 2, bin ich eingepennt. Also kann ich wenig dazu sagen. Stand da irgendwer Pate und steht es immer noch? Faust oder Mephisto oder gar Er, der große G. ? Mephisto könnte ich mir gut vorstellen. Mekwürdigerweise sehe ich ihn hoch droben am Nachthimmel als Vollmond, fett, silbern, mit gefräßigem Grinsen. Vielleicht ist Utas Erzählung daran schuld, das scheibenförmige Gespenst. Möchtest du diese Erzählung nicht auch hier veröffentlichen, Uta? Würd’ ich gutfinden.
    Und Michael. Wir wollen uns kritisieren. Das haben wir so beschlossen. Also werde ich dein Gedicht noch hundertmal lesen und dir anschließend um die Ohren hauen. Mach dich auf was gefasst.

  2. Ein großartiges Gedicht aus dem Hexenkessel der Wortfindung, das mich gar nicht mehr los lässt. Höchsten Respekt! Und grosse Freude über diesen neuen Beitrag.

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