kreuzberger dichtungswerk

Katrin Bosshard, Letales Futur II. Erzählung

Letales Futur II

Er schaukelte in den sanften Wogen des Erwachens. Es dämmerte ihm, dass es wohl ein
Nachmittagsschläfchen gewesen sein muss, aus dem er jetzt langsam heraus gespült wurde. Der
Tag, den er draußen vorm Fenster sah, schien schon etwas Gewordenes an sich zu haben. Durch
sein Schläfchen war er raus aus diesem Tag und er hatte den Eindruck, dass er keinen Anschluss
mehr finden musste. Nur noch einen Seitenweg würde er einschlagen wenn überhaupt. Zu seiner
Gemütlichkeit trug bei, dass es nach elterlichem Bett roch.

Wieso nur lag er im Bett der Eltern? Neben ihm hörte er das regelmäßige Schnaufen seines kleinen
Bruders. Ein Geräusch, das ihm bekannter war als sein eigener Schlafatem. Wieso nur lagen sie hier
am helllichten Tag im Elternbett? Er hörte noch mehr: Das regelmäßige Kratzen der ins Leere
laufenden Nadel des Plattenspielers…

Ja stimmt! Sie hatten sich ins Bett der Eltern gelegt, um Langspielplatten zu hören und dabei muss
sie eine geschwisterlich synchronisierte Erschöpfung überkommen haben – der Schlaf.
Die Eltern. Sie waren nicht da. Ja, er erinnerte sich – sie waren weg gefahren. Den ganzen Tag. Sie
hatten alle vier gefunden, dass das ginge. Dass die Jungs sich den Tag über schon bei Laune halten
würden. Ja, das hatten sie. Doch schon. Jetzt waren die Eltern weg. Und sie würden wieder
kommen. Und dann sicher wieder mal weg gehen. Und wieder kommen! Und wieder weg gehen
und wieder kommen…! Und… und ganz plötzlich stockte ihm der Atem. Es tat sich etwas auf.
Soeben war ihm die Erkenntnis durch das Nervensystem geschossen, dass sie irgendwann i r g e n d
w a n n nicht mehr wieder kommen würden. Irgendwann hatte nämlich alles ein Ende, das hatte er
schon begriffen und somit würden irgendwann seine Eltern nicht mehr wiederkommen. Und auch
er… Entsetzen, das ihn gepackt hatte.

Sein Bruder war schließlich auch aufgewacht und schweigend hatten sie sich von Langspielplatte zu
Langspielplatte gehangelt bis sie den Schlüssel im Schloss hörten. Er war seiner Mutter
schluchzend in die Arme gesunken und sie hatte sich mit ihm auf eine Stufe gesetzt und als sie
verstand worum es ging mit überzeugter Stimme gesagt, dass das aber doch alles noch lange dauere
und dann sei er selbst groß und sie verspreche ihm, dass er dann einen anderen Blick auf das Leben
und das Sterben würde werfen können. Dieses Thema brauche er jetzt wirklich nicht zu wälzen.
Wirklich nicht. Er hatte sich beruhigen lassen. Das Entsetzen hatte er ab dem Moment nur noch hin
und wieder geahnt. Die Beruhigung hielt immerhin Jahrzehnte, sie hielt und hielt auch als er längst
schon in der Welt sein Eigenes gefunden hatte.

Vierzig Jahre später saßen sie zu viert im Wohnzimmer. Es war ein Tag nach dem 80. Geburtstag
seines Vaters. Sie saßen vorm Fernseher und hatten die Nachrichten gesehen und jetzt gab es noch
„Philosophie um halb neun“ als Draufgabe. Ein rehäugiger Rollkragenpullover erklärte mit
zunächst samtener Stimme Heideggers „Sein zum Tode“: In seinem Vortrag „Der Begriff der Zeit“,
den Heidegger im Juli 1924 vor Marburger Theologen hielt, besprach er zunächst die Zeit, wie sie
der Physiker misst als gleichartige Abfolge von Zeitpunkten. Aber gegen diese „Naturzeit“ wurde
nun nicht mehr der Blick zurück gestellt. Denn wenn es um mein eigenes Dasein geht in seinem
Ganzsein und seinen umfassendsten Seinsmöglichkeiten, dann muss ich nach vorn blicken. „Das
Grundphänomen der Zeit ist die Zukunft“, hat Heidegger gesagt. Ich muss also, wenn ich mein
Leben in seiner Gänze existenzial begreifen will – an dieser Stelle guckte Rehauge dem
Fernsehpublikum fast auffordernd direkt in die Augen – sein Ende antizipieren. Vorbei-sein war
Heideggers phänomenologisches Existenzial; und im letalen Futur II „es wird vorbei gewesen
sein“ fand die äußerste Selbstauslegung des Daseins ihren temporalen Ausdruck. Noch ein Zitat:
„Dieses Vorbei, als zu welchem ich vorlaufe, macht in diesem meinem Vorlaufen zu ihm eine
Entdeckung: es ist das Vorbei von mir. Als dieses Vorbei deckt es mein Dasein auf als einmal nicht
mehr da; einmal bin ich nicht mehr da bei den Sachen, bei den und den Menschen, bei diesen
Eitelkeiten, diesen Winkelzügen und dieser Geschwätzigkeit. Das Vorbei jagt alle Heimlichkeiten
und Betriebsamkeiten auseinander. Das Vorbei nimmt alles mit sich in das Nichts.“

Ha! – es klang fast höhnisch so laut und trocken lachte sein Vater auf: „HA! Nazi!“ rief er in
Richtung des Fernsehers. „Du kommst ins Nichts!“ und er schaltete mit einer einschüchternden
Bewegung aus der Oberarmkugel heraus die Kiste aus. Es war spürbar wie die Spannung des
elektromagnetischen Felds im Wohnzimmer absackte. Erst danach blickte der Vater fast ein wenig
provozierend in die Wohnzimmerrunde. Eine Stille machte sich breit. Seine Mutter schob sich
zurück in den grauen Sessel auf dessen Kante sie vorgebeugt gesessen hatte. „Es wird vorbei
gewesen sein“ sagte sie leise vor sich hin. Und dann wie für sich: „Es ist schon merkwürdig, dass es
jetzt wirklich auf das Ende zulaufen soll. So ganz ohne Ausflüchte.“ Das Schweigen durfte bleiben.
Er schüttete noch etwas Tee nach und dann gingen sie alle ins Bett. Erst nachts, während einer
dünnwandigen Schlafphase, fuhr ihm der Satz der Mutter mit einem identischen Entsetzen ins Mark
wie damals: Hatte sie nicht aufrichtig erschüttert geklungen?

Ihm brach der Schweiß aus.

(2019-05-03)

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