kreuzberger dichtungswerk

Uta Schönharting, Ein Kriminalfall

Bei der Heimfahrt von der Literaturgruppe in der U6 frage ich mich, ob ich nicht zu viel weich gewaschenes Gefühlskino vortrage. Ich will etwas Gewaltiges schreiben, mit viel Blut, 3 Bücher in Fortsetzung. Einen Kriminalroman.

Das Rezept ist einfach, ein harmloses Opfer, ein Zwielichtiger, ein Meuchelmörder und ein seriöser Ermittler. Dazu einige Straßen, Kneipen, Autos, Wohnungen, halt die Staffage.

Der Meuchelmörder fällt mir leicht. Er ist Mitte 30, glatzköpfig, etwas dicklich und Muttis Liebling. Er hat bisher schon diverse Katzen und Hunde gefoltert und getötet, in reiferen Jahren 1 Krankenschwester und 1 Prostituierte.

Der Zwielichtige hat so hier und da Fehlverhalten gezeigt, Verkehrsdelikte, Bankbetrug. Man kann ihm alles zutrauen.

Das harmlose Opfer: schwierig. Ich sehe mich in der U-Bahn um. Eine junge Frau sitzt da, hübsches Gesicht, schlank, Kopfhörer und 2 Plastiktaschen mit Getränken. Gut so. Wozu trägt sie die ganzen Flaschen? Sie macht eine Einweihungsparty für ihre neue Wohnung. Der Meuchler ist eingeladen. Aber woher hat sie das Geld für den Kauf einer Luxuswohnung in so jungen Jahren? Sie hat ihrer dementen Mutter alles Geld weggenommen. Pfui. Das ist kein harmloses Opfer.

Ich sehe mich um. Vor mir offensichtlich ein Bankangestellter. Er guckt angestrengt entspannt und umklammert eine schwarze Mappe. Was ist da drin? Ein Vertrag, der einen Kunden langfristig ruiniert. Das geht auch nicht. Überhaupt, ein Mann geht gar nicht. Mit der Vergangenheit des Meuchlers muss man eine Frau erwarten. Aber die 2, die noch da sind, sind entweder komatös betrunken oder alt. Das Meucheln hieße da nur der Zeit vorausgreifen. Und was weiß ich, was der Meuchler so denkt.

Bleibt noch ein müder Mann, eine Bierflasche in der Hand isst er ein Käsebrot. Der Arme! Ausgepowert von der Arbeit hat er erst jetzt Zeit, etwas zu essen. Ideal. Da schmilzt das Herz. Ich denke plötzlich an einen Freund von mir, der von seinem Angestellten in der Tischlerei mit einem Werkzeug erstochen wurde. Als die Polizei ihn festnehmen wollte, saß er vorm Fernseher und trank Bier zum Käsebrot. Ich werde traurig und beschließe, die Opfersuche erst einmal aufzugeben.

Bleibt der seriöse Ermittler, Ende 50, graue Schläfen, gute Statur mit einer unglaublichen Erfolgsserie in der Ermittlung. Einige haben sich bis zu ihrem bitteren Ende als unschuldig bekannt. Ist er zu eifrig? Übersieht er bewusst? Hat auch keinen Wert. Warum nicht zeitgemäß eine alleinerziehende Ermittlerin mit 2 kleinen Kindern? Wer geht der Aufsicht der Kleinen nach, wenn sie karriereorientiert nachts die Kinder allein lasse muss? Eins stirbt den Kindstod. Geht überhaupt nicht.

Ich bin am Ende mit Planen und U-Bahnfahrt, ein Opfer meiner dunklen Gedanken.

Zuhause setze ich mich vor den Fernseher, knabbere Schokolade und sehe auf VOX medical detectives, born to kill, reality docu 45 min in laufender Serie, ein Lehrstück für Kriminalisten. Es beginnt mit einer toten alleinerziehenden Kriminalbeamtin, deren eines Kind am Kindstod gestorben ist, das andere wie sie vergewaltigt und mit dem Hammer erschlagen. Der seriöse Ermittler, Ende 50, graue Schläfen, gute Statur, findet ein Haar an der Wand über dem Bett des Kindes. Die schnelle Analyse zeigt, es war ihr ehemaliger Untermieter, Mitte 30, glatzköpfig, etwas dicklich, Muttis Liebling. Er behauptet seine Unschuld, wird aber verurteilt.

Alles gut gelaufen. Und ich? Ehrlich jetzt, bin ich der Täter?

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