kreuzberger dichtungswerk

Uta Schönharting, Da war was… Kurze Erzählung

Vor einigen Jahren lebte ich im Alentejo auf halber Strecke zwischen Albufeira an der Südküste Portugals und Lissabon mit einigen Pferden und Hunden, Hühnern, Gänsen und Pfauen. Alentejo, das Land jenseits (alem) des Tejo, war früher Jagdgebiet der Könige. Während der Nelkenrevolution wurden den besitzlosen Landarbeitern kleine Grundstücke zugesprochen, von deren Erträgen sie nicht leben und nicht sterben konnten, ein Großteil zog in die Städte, andere überlebten dürftig mit der Aufzucht von Schwein, Ziege und Hühnern, und ein Teil verkaufte an Ausländer, die hier mit ihrer Rente ihre letzten Träume auslebten,

 Heute ist das Alentejo ein vergessener karger Landstrich, über den sich im Sommer die Hitze wälzt. Nur Oliven und Steineichen geben dürftigen Schatten. Im Frühjahr aber erblühen im ganzen Land unendliche Blumenteppiche, kniehoch wilde Tulpen, Narzissen, Orchideen. Die Nächte sind dunkel, wenn nicht der Vollmond scheint, dann kann man noch nachts über die verwunschenen Hügel reiten. Sonst ist der Himmel zwar fast weiß von Sternen, aber im Haus kann man im Stockdunkel keine zwei Schritte gehen, ohne die Orientierung zu verlieren.

In einer solchen mondlosen Nacht werde ich wach und sehe eine weißliche Scheibe mit oben zwei dunklen Löchern am Bett stehen. Ich erstarre. Das gehört hier nicht her. Und wie immer, wenn das Gehirn Dinge nicht einordnen kann, schaltet es auf Bedrohung. Ich wecke meinen Mann mit aufgeregtem Rütteln. “Siehst du?“ “Jajaja“, sagt er im Schlafen, ohne überhaupt hinzusehen. Ich bin allein gelassen. Absolut allein. Das Ding beginnt zu rollen und kommt auf die Seite an mein Bett, einen Unterarm weit von mir entfernt. Ich zittere vor Angst, höre laut mein Blut in den Ohren, atemlos. Bis das Ding wieder wegrollt. Da falle ich Atheist neben dem Bett auf die Knie und bete mit zusammengepressten Augen das Vaterunser. Hilft nichts. Das Ding bleibt neben mir. Mit letzter Kraft robbe ich zum Lichtschalter. Licht. Da ist es weg.

Am nächsten Morgen beginnen die Rationalisierungen: Spiegelung, Kugelblitz – nichts will passen.

Da kommen meine Bereiter aus ihrem Haus herüber, Pedro lacht über den spinnerten Spanier Xavier, der wieder mal was gesehen haben will. Xavier bittet mich um den Schlüssel zur Werkzeugkammer, er brauche das große Beil. Warum? Er will es auf seinen Nachttisch legen. Warum? Zur Selbstverteidigung. Ein großes weißes Ding mit 2 Augen habe in der Nacht an seinem Bett gestanden, er sei in Panik zur Tür hinausgelaufen. Das Ding sei aber hinter ihm her gehüpft und dann am Weidezaun entlang hinten über den Hügel verschwunden. Er zittert am ganzen Körper. “Du musst nur Licht anmachen“, sage ich und erzähle, daß das Ding auch bei mir war,

Die nächsten Häuser von meinem Gestüt lagen fußstundenweit entfernt, Smartphones gab es nicht und der Netzempfang war äußerst willkürlich. Und dennoch machte die Kunde von einem Gespenst mit glühenden Kohlenaugen auf meinem Land blitzartig die Rund.

Greta ist die erste, die mich anruft. “Das macht nichts. Das geht weg.“ Greta war der Forschungsreisen mit ihrem Mann überdrüssig geworden und hatte sich ein Häuschen mitten im verwilderten Eukalyptuswald gekauft. Dort lebte sie allein mit Esel, Hund, diversen Katzen und einem winzigen Solarpaneel, das ihr für zwei Stunden Licht gab. Sie dachte viel über die Welt nach, hing der Esoterik an und ihre Stellungnahmen waren oft kurz und kryptisch. Was meinte sie mit „es geht vorbei“? Ein Psychoschub bei mir oder dem bleichen Ding, oder einfach nur Panta Rei, alles fließt?

Jenny kommt vorbei und bringt etwas Undefinierbares, etwas Leinenartiges, mit Bindfaden zu einer Rolle geschnürt und hängenden Fäden, von Indianern aus Nordamerika gebastelt. “Du musst die Wohnung damit ausräuchern. Dringend, Und das reinigt gleich von allem Bösen.“ Jenny ist in Rhodesien geboren und hat den Glauben ihrer schwarzen Nanny an Geister und eine tiefe Liebe zu allem Unerklärbaren mit nach Portugal gebracht. Ich räuchere, es stinkt entsetzlich verbrannt. Noch Tage. Es vertreibt mich aus dem Haus. Aber ich habe wenigstens etwas gemacht.

 „Kein Aberglaube mit Zauberkunststücken, lass den Priester aus Ourique kommen, er ist freundlich und spricht englisch“, sagt mir Carol. Carol ist trotz traumatischer Erlebnisse als Begleitperson von Krankentransporten verwundeter Soldaten aus Afghanistan in die USA eine leidenschaftliche und entschiedene Amerikanerin geblieben. Allerdings als Bewohnerin von San Francisco, das ist das gute Amerika, sagt sie. Und für sie ist klar, daß hier nur eine Geisteraustreibung durch die Kirche hilft und dies in der Sprache der Weltmacht. Letztlich beherrschen die Amerikaner ja auch schon den Weltraum und sind in unbekannte Sphären eingedrungen.

Der alte Jaemi, meine gute Hand für alles, der schon immer meint , daß in den Oliven kleine Göttinnen wohnen, gesteht, daß er vor Jahren an der Wegkreuzung vor meinem Haus drei Hexen getroffen habe, sie hätten gewürfelt, derb gelacht und schlimme Sachen gesagt, “Was denn?“ Sagt er nicht und verschließt sich wieder in seine Welt.

Betty kommt mit seligem Lächeln vorbeigefahren. “You got it!“ Ich solle stolz sein, jedes anständige Haus habe sein Gespenst. Auch sie hätte mit einem ein England gelebt. Jeden Morgen sei es die Treppe heruntergekommen, habe für eine Weile die Tür zur Straße geöffnet, sie wieder geschlossen und sei zurück die Treppe hinaufgegangen. “Hast du es gesehen?“ “No, what for?“ Betty lebte damals auf einem Gestüt mit einem romantischen Hotel an einem schottischen See. In ihrem Hotel stiegen damals auch die Superstars des Pop ab. Alle hätten das Gespenst am Frühstückstisch gehört und es geliebt, wenn seine Zeit kam. Wozu sollte man ihm nachstellen, es war eben einfach da.

Langsam ist aus meiner matten Scheibe ein ernst zu nehmendes Gespenst in wehendem weißem Gewand mit blitzeschlagenden Augen geworden, das sich nachts über die Schläfer wirft, um ihnen den Atem abzusaugen.

Ich rufe meinen Schwager an, der sich mit Gespenstern auskennt Meine Schwägerin meldet sich. “Das ist ja toll, was du da gesehen hast, so etwas könnten nur wenige Bevorzugte sehen.“ Sie selbst hätte nur einmal eine blasse Scheibe mit zwei dunklen Löchern gesehen. Nein! Tausende Kilometer entfernt. “Du musst mit ihm reden“, sagt mein Schwager, der schon bei Schamanen in der Mongolei gelebt hat und sich bestens in der Geister- und Dämonenwelt auskennt. Aber wie? Ist das Ding nun portugiesisch oder deutsch? Welche Sprache ist da angemessen? Esperanto? Oder doch einfach, wie Carol behauptet, Englisch?

Die Wellen schlagen immer höher, und ich mache Besichtigungen, Führungen für Angereiste. Dann kommt endlich wieder Ruhe ins Land. Hin und wieder fragt jemand: “Wie war das… war es nochmal…“ Aber die Nachfragen versickern im Alltag.

Geraume Zeit später werde ich in einer mondlosen Nacht wach. Das weißliche runde Ding mit den zwei Löchern steht vor meinem Bett. “Hallo“, sage ich schwach und ziehe die Decke über den Kopf.

Foto (Ausschnitt) und fotografiertes Aquarell (hinter Glas, mit zufälliger gespenstischer Spiegelung): Uta Schönharting

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