kreuzberger dichtungswerk

Annette John, Klingonen Jenny

Der Tag wird kommen, dann werdet ihr sehen.

Sehen, wie der Himmel dunkelt am helllichten Tag, wie das Blau verwischt,  verschwimmt, wabernd  zerfließt. Ihr werdet sehen, wie Form entsteht, riesige Form, schreckliche Form, gefürchtet in allen Quadranten der Galaxie. Schlanker Körper, der Kopf ein wenig geneigt, spitz zulaufend wie der Schnabel des Greifs. Und die seitlichen Ausläufer, Schwingen gleich, riesig auch sie, bestreichend die ganze Stadt, bis hin in ferne, ländlichen Gebiete. Dort in den Schwingen, dort sitzt die Waffenphalanx, fünfzig Disruptoren auf jeder Seite, gnadenlos, Verderben speiend, Zerstörung bringend. Und im Herzen des Vogels arbeiten die Antriebe, acht Warpkerne lassen ihn achtmal schneller fliegen als das Licht.

Ein Schiff der Raubvogelklasse. Ein Bird of Prey, mein Bird of Prey.

Ihr werdet erbleichen. „Was ist los?“, werdet ihr fragen.

Ich aber werde lächeln. „Heute ist ein guter Tag zum Sterben.“

Die Maske wird von mir abfallen. So lange habe ich sie tragen müssen Tag für Tag, Jahr für Jahr. Damit ich aussehe wie ihr. Bleich und schwach, mit Zähnen, die nichts reißen können, Fäusten, die nichts treffen können, einem Herzen, das nur pumpt, sinnlos Blut im nutzlosen Körper umherpumpt, ein Herz, das sich zaghaft verkrampft bei jedem Anzeichen eines ehrlichen Kampfes, das nichts weiß von Mut, von der Ehre der Krieger.

Unter euch musste ich leben, eine lange, lange Zeit, mein wahres Ich verbergen, das Ich einer Tigerin, denn obwohl ihr schwach seid, ehrlos und feige, seid ihr doch gefährlich. Hättet ihr erkannt, wie fremd ich euch bin, hättet ihr euch zur Meute zusammengeschlossen, mich gejagt, mich zerbissen und zerfetzt.

Doch auch mit meiner Maske war ich euch ausgeliefert, euren Waffen, diesem ausgeklügelten System von Bösartigkeiten, das ihr gegen all jene zu verwenden wisst, die anders sind als ihr sie haben wollt. Seit Jahren vegetiere ich in den Rädern dieses Systems. Alt geworden bin ich, mein Haar fiel mir aus, meine Zähne gingen mir verloren. Die Kraft meiner Muskeln schwand dahin, die Spannkraft meiner Sehnen, meiner Haut. Ich setzte Fett an, mein Rücken krümmte sich, die Schultern bogen sich nach vorne. Das liegt an eurer Nahrung, nichts Frisches, Fleisch, das viel zu lange tot ist, das nach Verwesung stinkt, sobald man die Verpackung entfernt. Ihr geht nicht auf die Jagd, messt euch nicht mit den großen Tieren der Wildnis. Die habt ihr ausgerottet, damit sie eure Weidetiere in Ruhe lassen, die ihr dann in großen Herden den Schlachthöfen zuführt, wo sie unter Qualen getötet werden und sodann zerhackt und verpackt und verschickt an die Supermärkte, wo die Stücke herumliegen, bis jemand wie ich sie kauft für kleines Geld.

Überhaupt: Geld. Es bestimmt euer Leben, es bestimmt euren Wert. Wer keines hat, ist nichts wert. Ihr arbeitet euch krumm, ihr buckelt, lächelt, wenn ihr getreten werdet und verdient dennoch zu wenig, um in Würde zu leben oder zu sterben. Ihr verreckt. Ich übertreibe? Hört mein Lachen und erschauert.  Ich lebe unter euch. Ich habe geschuftet, oh ja zu Anfang war ich noch stark, ich konnte schuften, ich scheute die Arbeit nicht. Ich dachte, sie würde sich lohnen. Ach wie dumm ich doch war! Ich zerrieb mich am System, eurem System, war nicht dafür gemacht, wusste viel zu wenig von Bürokratie, von Lebenslauf, von lückenloser Dokumentation, von Sozialabgaben, Rentenbeiträgen, Krankenkassen, von Schwarzgeld und Weißgeld und gewaschenem Geld, Entgelt. Und kein Geld. Wusste nichts von Alter und Krankheit, bis beides mich traf. Meine Erklärungen wurden nicht gehört, wenn ich laut wurde, sperrte man mich ein. „Geschützte Station“, nennt ihr das, ich nenne es Psycho-Knast. Dort wurde ich mit Medikamenten vollgestopft, bis ich mich selbst vergaß, vollkommen vergaß, bis ich überzeugt war, eine von euch zu sein. Da hielt man mich für geheilt und ließ mich gehen. Wie lange habe ich danach gebraucht, um wieder zu mir selbst zu finden, um zu wissen, wer ich bin und woher ich komme, nicht von dieser Welt, oh nein, von einer ganz anderen. Ich bin ein Alien, eine Klingonin im Reich der Menschen. I’m an alien, I’m a klingon alien, I am a Klingon in Berlin.

Seitdem bleibe ich leise, meistens jedenfalls. Ich schlage mich durch. Nein. Ich winde mich durch. Ich krieche durch. Wie ein Wurm. Wie eine Made. Wie ihr alle. Fast alle. Wenige treten. Viele krümmen sich. Auch ich. Schaut mich an: Jenny, die Flaschensammlerin. Die mit euch am Späti steht. Die Denis um Kredit anfleht. Für ein weiteres Bier. Für eine unterm Ladentisch verkaufte Zigarette. –  „Bloß eine, Denis, bloß eine. Du kriegst dein Geld, du kennst mich doch.“

Und ihr, die ihr kaum besser dran seid als ich, zeigt ihr Solidarität? Mitnichten. Lustig macht ihr euch. Grölend ruft ihr: „Hej Jenny, wann kommt denn dein Schiff, Jenny?“

Der Tag wird kommen, an dem ihr mich sagen höret: „Jetzt. Es ist da!“

Und ihr werdet stehen mit zitternden Gliedern und klappernden Zähnen. Die Maske fällt von mir ab. In der gleichen Geschwindigkeit, in der sich das Schiff enttarnt, enttarne ich mich auch.  Meine Glieder strecken sich. Mein Fett schmilzt. Meine Muskeln wachsen. Meine inneren Organe erneuern sich. Haut glättet sich, färbt sich, wird dunkel, nahezu schwarz.  Zähne entstehen, wachsen nicht, sind einfach da, spitz gefeilt, wie die Tradition es verlangt. Haare wallen. Meine Haare. Die Haare des Kriegers, der Kriegerin. Lang. Ungebändigt. Schwarz. Vorne zurückweichend,  freigebend die ausgeprägten Stirnwülste, Markenzeichen meines Volkes.

Meine Kleidung platzt auf, diese Fetzen, die ihr Kleidung nennt, zu dünn, zu schäbig, stets verschmutzt durch das Leben in Elend. Meine Uniform bildet sich, schmiegt sich um mich wie eine zweite Haut, Stiefel, Hose, Wams, alles in Schwarz, darüber in matt glänzendem Metall der stilisierte Harnisch mit dem Abzeichen meines Hauses.

Ich stoße aus den Ruf der Kriegerin.  „Ho‘ch tak, ho’ch tak Jenarà.  Ich bin es! Ich, Jenarà, Tochter von Eili’ka, der Lady von Essam.“

Lacht nur, ihr Zweifler, solange ihr es noch könnt, denn an diesem Tag wird es vorbei sein mit eurem Lachen.

 Das Schiff ist vollständig enttarnt, und ich bin es auch. Um mehr als Haupteslänge überrage ich euch. Einen jeden von euch könnte ich mit dem kleinsten meiner Finger zu Boden werfen, doch wozu? Ihr seid tot. Ihr wisst es noch nicht, doch ihr ahnt es bereits.

Der vertraute Summton wird ertönen, ach wie sehr vertraut und wie unendlich vermisst. Sie beamen herab, der Captain und seine Begleitmannschaft manifestieren sich. Es ist General Martak persönlich, er selbst ist gekommen, mich abzuholen. Seht ihr nun, wie hoch ich geschätzt bin unter meinesgleichen? Das Haus, dem ich entstamme, gehört zu den größten auf Kronos, der Heimatwelt. In den Adern meiner Mutter, Lady  Eili’ka, fließt kaiserliches Blut.

Ihr werdet stöhnen, ihr hier unten auf dem Platz und ihr dort oben auf den Balkons eurer teuren Wohnungen, von denen ihr stets voll Ekel, auf uns, auf mich, herabgeschaut habt.

„Kaplà!“, Wird der General mich grüßen.

„Kaplà!“, werde ich antworten.

„Wen sollen wir töten?“, wird er fragen.

Da wird es still werden auf dem Platz, auf den Straßen, auf den Balkonen. Mir wird es sein, als könnte ich die ganze Stadt erfassen. Und was ich wahrnehme, ist nichts als Erbärmlichkeit.

„Alle!“, werde ich schulterzuckend sagen.

„Wohl gesprochen meine Tochter“, wird der General mir lachend antworten.

Wir werden zum Schiff hinauf beamen, direkt auf die Kommandobrücke.

Die Zielerfassung läuft. Der General geleitet mich zur Waffenkonsole. Ich selbst darf den Knopf drücken.

 Grollend werden die Disruptoren erwachen.

Unser Schiff verlässt das System, wir aktivieren den Warpantrieb.

Wenn ihr noch sehen könntet, würdet ihr den Lichtblitz am Himmel bemerken. Doch ihr werdet nichts mehr sehen.

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