kreuzberger dichtungswerk

Anne Lorquet, Es gibt die Fassaden

Anne Lorquet, Es gibt die Fassaden
Lesungs- und Theaterabend „H/aus der Traum“ vom 26. Oktober 2018

Es gibt die Fassaden
die von Hautkrankheiten überfallen sind
schwarze abbröckelnde gelöcherte Fassaden

ihre eleganten Gipsverzierungen ausgezackt zerfressen ihr Kleid von Reichtum abgerissen
Löcher von Kugeln entblößen schäbige schmutzige Backsteine
wild gewachsene Pflanzen erweitern die Risse zwischen den mit Plastikplanen zusammengeflickten Fenstern
Balkons hängen ins Leere Erinnerungen von Balustraden und Sommernächten

aber es gibt daneben die Fassaden, die sich neu schminken und sauber machen
leuchtende restaurierte Wände, die aus ihren Wohnungen die Mieter jagen
die nicht die Miete der neuen Schönheit und Sauberkeit bezahlen können

aber für diese
gibt es an den Grenzen der Stadt die Fassaden
von den großen Kühlschränken die schön
konservieren

denn jetzt muss Ordnung
Rentabilität sein

Beim Nachbarn gesehen
an der Wand stand
Gentri-fick-dich

(Berlin 1997)

Il y a les façades

il y a les façades atteintes d’une maladie de peau
les façades noires écaillées mordues trouées

leurs élégances de stuc déchiquetées leur robe de richesse déchirée
les trous de balles mettent à nu de pauvres briques salies
les plantes jaillies sauvagement élargissent les fissures entre les fenêtres rafistolées de plastique
les balcons suspendent dans le vide des souvenirs de balustrades et de nuits d’été

mais il y a juste à côté les façades qui se refont une beauté et propreté nouvelle
des murs restaurés lumineux qui chassent de leurs appartements les habitants
qui ne peuvent payer les loyers nouveaux de la beauté et propreté restaurés

mais pour ceux-là
il y a aux limites de la ville les façades
des grands frigidaires qui conservent
bien

car il faut que l’ordre soit
maintenant
rentabilité

(Berlin 1997)

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