kreuzberger dichtungswerk

Franz Joseph Hödl, Flieger oder Taube / KI, Als die Vögel zurückkehrten

Flieger oder Taube

Ich stürze aus der Kiezstube. Autoren und Autorinnen und Publikum waren nach der Lesung um den Buffettisch versammelt. Die Reste vom Feste. Es gab noch Wein. Ein halbes Glas Rosé leerte ich, hörte, lächelte und – ich glaube – antwortete auch. Lachte auch. Hätte keinen Bissen hinunterbringen können. Stimmengewirr. Hörte hinter mir das Wort: Drückeberger. Drückeberger, sagte sie. Drückeberger. Papierflieger falten, statt einen Text schreiben und lesen. Papierflieger falten kann doch jeder. – Aber es war kein Papierflieger. Es war eine Papier-Taube. Dann halt Taube, ist aber kein Text. Aber kann ich nicht das Falten des Papiers als Text verstehen. Ein Text ist ein Text, ein Flieger ist ein Flieger. Taube! Jetzt bin ich schon draußen. Ende September, schon ganz schön kühl. Gut, dass ich mit dem Fahrrad da bin. U-Bahn wär jetzt doch too much. Schon dunkel, finde fast nicht das Schlüsselloch. Will doch schnell hier weg. Los. Los. Auf die AGB zu und dann die Urban hinunter übers Südkreuz und ab in die dunkle Hasenheide. Gern fahre ich da nachts nicht durch. Aber heute tauche ich da mit einer fast masochistischen Freude ein. Soll mir doch jemand über den Schädel schlagen. Brächte das Erleuchtung? Oder bloß Verdunkelung. Das Fahrradlicht flackert schwach und beleuchtet keineswegs den Weg, macht nur mich sichtbar für mögliche Wegelagerer.

            trotz Angst ein Risiko einzugehen und das Ergebnis akzeptieren, in aller Hingabe. Da hat doch jemand etwas Schönes gesagt. Ja. Hingabe. Vor dem Publikum. Gib dich hin, gib dich ganz. Willst du doch. Sollte es möglich sein, unter den Blicken der anderen ganz zu sich zu kommen. Könnte es sein, dass sie mit ihrer Aufmerksamkeit die Luft um dich verdichten, so, dass du gehalten bist und nicht fallen kannst. Aber d i e Aufmerksamkeit musst du dir verdienen, durch Kunst und Können. (oder Zaubertricks) Die Aufmerksamkeit kriegst du nicht geschenkt. Du musst sie erarbeiten. Förmlich erzwingen. Dann ziehst du sie auf dich, dann steigert sie deinen Ausdruck. Dann ist Wunderbares möglich. Und eine Wahrheit kann enthüllt werden – die Wahrheit eines Moments.

            Was tut er da? Was ist das, was er tut? Er knittert, er kneift, er knifft, er zittert. Ist er aufgeregt? Was tut er? Japanische Papierkunst. So schnell, so hektisch? Ein Flieger! Eine Taube, sagt er. Schön! Der traut sich was. Einen Text schreibt man doch vor der Lesung und liest ihn auf der Lesung. Schreibt ihn nicht nach der Lesung. Dann ist es zu spät. Dann ist doch der Moment vorbei. Du willst auf der Lesung einen Flieger falten und nach der Lesung einen Text schreiben. Nach! der Lesung – und behauptest noch, du willst etwas aus dem Moment gebären. Na, gebären hab ich nicht gesagt. Hat jemand „Scharlatan“ gesagt. Hab ichs nur gedacht?  Und wieder kein Franztext. Die Hoffnung stirbt zuletzt – Aber sie stirbt. Gelächter. Galt es mir? War es wirklich nur lächerlich. War ich nur lächerlich. Hab ich wieder Mist gebaut. Jetzt umgibt mich Dunkelheit. Ich fahre die Steigung durch die Hasenheide nach Neukölln hoch. Noch sehe ich keine Dealer. Aber hier ist doch die Stelle. Hier muss es doch sein. Jetzt bin ich ganz schön außer Atem.

            Fliegen wär schön. Fliegen wollen fast alle. Mit ausgebreiteten Armen über die Blumenwiese. Im Traum wirklich, ohne Flügel, schweben, losgelöst vom Boden. Flieger starten war als Kind für mich Freiheit, grenzenlos in jeder Beziehung. Und einen Flieger falten hat jede Menge Spaß gemacht. Schade, dass ich heute erst ein YouTube-Video ansehen muss, um einen Flieger basteln zu können. Wieviel solcher Papier-Tauben habe ich in meiner Kindheit in den Hof segeln lassen. Mich gefreut, wenn sie einen großen Bogen flogen und nicht gleich zurückkurvten gegen die Hauswand und abstürzten. Manchmal hat dann eine Nachbarin gerufen: Jetzt kommst du aber runter und sammelst deine Flieger wieder ein. Ja klar. Hab ich gerne gemacht. Ich konnte sie dann nocheinmal fliegen lassen, nachdem sie das Fenster zugemacht hatte.

            Seltsam, ich hab die Leute gefragt, was ihnen durch den Kopf gegangen ist, während des Faltens, während des Flugs. Flugzeuge aus Papier. Da werden Erinnerungen aus der Kindheit wach. Mit Vater und Opa welche gebastelt und gespannt, wie sie fliegen, besonders die mit Schwalbenschwanz. War die Welt damals heil für mich. Wehmut. Wehmut. Schwalbenschwanz. Da, am Haus meiner Kindheit, waren die Schwalbennester unter dem Dach an die Wand angebaut. Und da schrien die Schwalben in der Luft schrill vor Lust am Abend. Gierige Jagd über mir und ich stand da mit in den Nacken hängendem Kopf und offenem Mund als wollte ich ihr Schreien trinken. Hätte ich nur auch geschrien vor Lust. Ist mein Kopf heute ganz leer gewesen. Dort, in der Kiezstube, im Moment des Faltens? Da war auch keine zündende Idee und kein erleuchtender oder erleuchteter Gedanke. War ich noch ganz schwindelig von dem Rendezvous mit Frau Knobotschka? Ich faltete rasch und andächtig. Der weise Mann meinte nachher enttäuscht, er hätte in dem Moment, als ich am Anfang sagte „Ein loses Blatt. Ein leeres Blatt“ einen philosophischen Diskurs erwartet. Ja, hab ich gesagt, da wär so was drin gewesen. Aber ich wollte keinen Text, keinen gelesenen, keinen gesprochen. Ich wollte Stille. Es drängt mich in letzter Zeit immer öfter zum Nichts. Nein, eigentlich meine ich nicht Nichts, sondern, dass es mich zum „nicht“, also zum Nicht-tun, Nicht-reden, Nicht-schreiben drängt. Warum hat das einige enttäuscht, geradezu ärgerlich gemacht? Es waren doch bis dahin schon 20 Texte gelesen worden. Und bei jedem Text gab es auch noch eine Vorrede. Mein Kopf war leer.  Oder war ich wie vor den Kopf geschlagen? War ich ohne Denken im Moment des Faltens, gibt’s sowas überhaupt, ohne Denken zu sein, ganz von einem Tun in Anspruch genommen. Einmal dachte ich, dass es schön wäre, wenn das Papierfalten zu hören wäre wie ein Text und ich bog das Mikrophon herunter zu meinen faltenden Händen ganz auf den Tisch. Ich hörte auch wie einer gemurmelt hat: ein Flieger. Weiter hinten hat eine auch geflüstert: ein Flieger. Ich hätte doch sagen können, dass es kein Flieger wird, sondern eine Taube.  

            Bor wie schnell er faltet. Hat Franz etwa eine Origamipassion, die mir verborgen geblieben ist? Ein Anflug von Traurigkeit. Ist Origami eine Resignation? Ist Origami ein Ausdruck von Sprachlosigkeit? Es ist ein Vogel! Ein Gefühl von Befreiung. Erstaunen. Ich wollte wirklich keinen Flieger sehen! Nein, vor allem nicht ferngesteuert. Obwohl ich es gern gehabt hätte, wenn der Papiervogel über dem Publikum gekreist wäre, lange, lange und die Leute den Kopf mitbewegt hätten, bis ihnen schwindlig geworden wäre und eine ausgerufen hätte: ein Wunder, wie wunderbar. Weil die Kunst um die Wahrheit fliegt, aber mit der entschiedenen Absicht, sich nicht zu verbrennen. Ihre Fähigkeit besteht darin in der dunklen Leere einen Ort zu finden, wo der Strahl des Lichts, ohne dass dies vorher zu erkennen gewesen wäre, kräftig aufgefangen werden kann, schrieb ein Dichter, wie ich mich jetzt erinnere. Der Vogel flog einen Bogen. Aber nur einen kleinen. Stand ich da wie ein Prophet, den Flieger in der erhobenen Hand und – und ließ ihn fliegen. Was aber prophezeite ich? Was wollte er sagen? Warum kam der Vogel zu mir zurück. Und warum flog er beim zweiten Mal so ungeschickt gegen die Säule, dass er abstürzte. Die Taube auf dem Dach ist besser als die Drohne in der Hand. War es mein Absturz? Ich hab ihn nocheinmal aufgehoben, sagte den dummen Spruch, dass alle guten Dinge drei sind – was soll das, die guten Dinge sollen doch unendlich viele sein – und schubste den Vogel nocheinmal ins Publikum, ja, er flog, er segelte, aber wieder nur einen kleinen Halbkreis und wieder zurück zu mir. Zweimal kehrte er zu mir zurück, das muss doch eine Bedeutung haben. trotz Angst ein Risiko einzugehen und das Ergebnis akzeptieren, in aller Hingabe. Ja. Hingabe. Vor dem Publikum. Gib dich hin, gib dich ganz. Willst du doch.

            Idiot, Idiot, du bist ein Idiot. Warum wolltest du wieder was Besonders abliefern, das aus dem Moment Entstandene, das Unvorbereitete, das Nicht-Eingeübte und doch Vollkommene, das, das an ein Wunder grenzt. Ja ein Wunder. Nichts kommt zweimal vor, / auch wenn es uns anders schiene. / Wir kommen untrainiert zur Welt / und sterben ohne Routine, schrieb eine polnische Dichterin. Ja, weil es nur einmal ist. Wir kommen nur einmal auf die Welt und wir sterben nur einmal. Obwohl ein Autor die wunderbare Geschichte Wie ich zweimal gestorben bin erzählte. Wie schön, wenn man dann wieder heile aufwacht. Ja sterben und wieder neu geboren lebendig sein, ganz gegenwärtig. Die Leute berühren, ihnen die Hand auflegen. Steh auf, nimm dein Bett und geh. Der Moment ist JETZT, der Moment ist AUGENBLICK. Der Moment ist Gegenwärtigkeit. Den Moment kann man nicht ausmessen. Denn er trägt uns. Er trägt uns, wenn wir gegenwärtig sind und wir sind immer gegenwärtig, nur das bewusste Denken ist oft in der Vergangenheit, also hinten nach oder in der Zukunft, also voraus. Dann ist die Gegenwärtigkeit unvollkommen. Also schmecken! Beim Essen schmecken! Und nicht Nachrichten hören. Schon gar nicht in diesen Zeiten. Die Aufgabe einfach: das bewusste Denken einfach mit dem Moment, mit dem Raum, mit der Zeit und mit allem was darin anwesend ist, in Übereinstimmung zu bringen. Nein, besser, es daraus erwachsen lassen. Ja. Ja. Du musst nicht bloß dein Sprüchlein aufsagen, das du vorher gelernt hast oder das dir eingetrichtert wurde.

            Jetzt ist Gegenwart, sause mit dem Fahrrad dahin, nach Neukölln hinauf. Schon ist es dunkel und so gern fahre ich nachts nicht durch die Hasenheide. Die schwarzen Männer sieht man im Dunkeln nicht, die so diskret am Wegrand warten. Erst im letzten Moment. Moment! Da ist wieder der Moment. Das Momentum. Und da steh ich schon mit dem Fahrrad vor dem schwarzen Mann. Nein nicht ich. Denn ich will das gar nicht. Hab seit 40 Jahren nichts geraucht. Er, also der, der ich grade noch war und nur schnell durchs Dunkel wollte, der bleibt einfach stehen. Hey man, brauchst du was? Ja. Für einen Zwanziger? Okay. Der Schwarze verschwindet zwischen den Eiben. Das ist ja märchenhaft. Und er kommt zurück und bringt mir Stoff. Ich geb ihm den Zwanziger, er mir das Tütchen mit Gras. Sonst haben wir uns nicht viel zu sagen.

            Vielleicht will ich fliegen. Genau, ich bin die Taube. Ja, ich will fliegen, abheben, schweben. Zumindest mich diesem Zustand annähern. Ein Gefühl von Befreiung. Erstaunen. Staunen. Verflixt, was wollte ich wirklich? Was will ich wirklich? Warum hab ich nicht auch einfach einen kurzen Text geschrieben und gelesen? Ganz bescheiden. Drücke ich mich einfach vorm Schreiben? War der wirklich Grund dafür, stumm einen Flieger zu falten, der, dass ich nichts, nichts, nichts, aber auch gar nichts zu sagen habe. Das Gefühl hab ich oft. Immer öfter. Es kommt ja dem Ausspruch nahe: ich weiß nur, dass ich nichts weiß. Soll von Sokrates sein. Aber eigentlich ist das Blödsinn, wir lernen doch, um was zu wissen und wir wissens dann auch und können es dann weitergeben oder in ein Werk umsetzen. Ja. Ja. Ja. Und wir erzählen auch was, um was zu sagen. Ja. Auch wenn ichs nur Dir, Dir ganz allein erzähle. Ja. Auch wenn ichs Euch erzähle. Ja. Etwas, das wichtig ist. Ja. Etwas, das wirken kann. Ja. Ist das nicht wunderbar? WIRKEN. Etwas, das Gewicht hat. Ja. Etwas das uns ein Stück weit begleitet, uns nützlich ist, uns freut, uns tröstet. Ja.

            Habe Haus und Hof erreicht mit Müh und Not. Und etwas Dope. Dunkelheit. Schlafen schon alle? Die Küche ist der Raum des Denkens und der Genüsse. Heut ein Joint. Da zittern mir fast die Finger. Hoffentlich haben sie beim Papierfalten nicht gezittert. Jetzt zittern sie schon. Lange nicht gedreht. Was tut er da? Was ist das, was er tut? Er knittert, er kneift, er kifft, er zittert. Und jetzt Feuer. Duftet so gut. Dufte. Das ist der Moment. Der Moment des Genusses. Ich verdreh dann immer die Augen und schau an die Decke. Moment der Einnebelung. Dem Bewusstsein endlich ein Schnippchen schlagen. Ich krieg so weiche Knie. Ich schmeiß mich auf mein Bett. Dann liege ich auf dem Rücken wie gelähmt. Kann ich mich echt nicht bewegen? Alles nur Einbildung sicher. Aber ich lieg da wie ein Soldat. Über mir, vielleicht auch nur in meinem Kopf, nein, doch über mir im dunklen Raum flatterten Papierfetzen wie Lichter, schaukeln, trudeln, flattern. Will immer einen Text entziffern, da ist doch was drauf geschrieben. Wenn ich das lesen könnte. Kann ich nicht. Will ich aber. Das ist sicher ein wichtiger Text, gar eine Botschaft. Kann ich nicht lesen. Schaukelt, Trudelt. Leuchtet. Was ist das für ein Text? Was war das für ein Stoff? Lieber Gott, lass mich nur ein bisschen sterben. So wie der Autor als Kind zweimal gestorben ist. Wie sterbe ich jetzt? Ich kann mich nicht bewegen. Was für ein Zeug hat der mir verkauft? Dann trudeln alle losen, leuchtenden Blätter auf mich herab, auf mich drauf. Ja, da steht was drauf. Aber so groß ich meine Augen auch mache, ich kann es nicht lesen. Dann decken mich die Blätter schon zu. Flieg Vogel flieg, der Vater ist im Krieg, das ist doch die gleiche Melodie wie Schlaf Kindlein Schlaf. … Und sieht aus Mondes Mauseloch  / Aufs Unheil, das gerad beginnt? / Und lernt so, wie man ihm entrinnt?

            Es gibt ein Erwachen. Angekleidet im Bett. Verflixt. Sonntag. Es fällt mir ein, dass ich einen Text abliefern muss. Binnen sieben Tage. Warum hab ich das verkündet? Warum hab ich große Erwartungen geweckt? Hab ich vielleicht gar nicht. Kräht kein Hahn nach einem Text von mir. Jetzt muss ich mich abplagen und liefern. Hab ja gesagt, binnen sieben Tagen wird er auf die Website des KDWs gestellt. Warum hab ich gesagt „binnen sieben Tagen“? Ich hätte doch 10 Tage sagen können. Was hat es mit diesen biblischen sieben Tagen auf sich. Und heute ist Sonntag, da muss ich doch ruhen.

Als die Vögel zurückkehrten (KI-generierter Text)

Vorbemerkung
„Als die Vögel zurückkehrten“ ist ohne mein Zutun, ohne irgendeine Veränderung so von der KI erstellt worden. Mein Freund Tonio hat mir dabei technisch geholfen.
Der Auftrag an die KI bestand darin, aus Euren Sätzen, die ihr mir nach der Lesung gegeben habt, eine surreale Geschichte, nicht länger als drei Seiten, zu schreiben. Mit gefällt der Text sehr gut und ich habe mich gefragt, ob Künstliche Intelligenz mit einem kollektiven Bewußtsein zu vergleichen ist. Und ob dieses Bewußtsein/Wissen dann immer umfassender ist, als meines.
Franz Hödl

            Die Zettel haben angefangen zu atmen. Ich schwör’s. Es war kurz nach Mitternacht, als ich bemerkte, wie sie sich auf meinem Schreibtisch hoben und senkten, ganz leicht, als hätten sie kleine Lungen bekommen. Mein Publikum hatte sie mir dagelassen – Stichworte, Erwartungen, Fragen. „Schreib was daraus, Franz.“ Aber das Papier hatte andere Pläne.

Ich nahm den ersten Zettel in die Hand. Papierflieger, stand darauf. In dem Moment, als ich das Wort las, begann es sich zu bewegen. Die Buchstaben lösten sich von der Seite, schwebten einen Moment in der Luft wie Mücken im Lichtstrahl, dann setzten sie sich auf meinem Handrücken ab. Ich spürte, wie sie sich in meine Haut einbrannten, nicht schmerzhaft, eher wie eine Erinnerung, die plötzlich körperlich wird.

Meine Finger fingen an zu falten. Nicht weil ich es wollte – sie taten es einfach. Als hätten sie einen eigenen Willen bekommen, eine eigene Erinnerung. Die Mittellinie zuerst, dann die Ecken. Aber das Papier war nicht mehr Papier. Es war warm, fast wie Haut, und es gab nach unter meinen Fingern mit einem leisen Seufzen.

Draußen begann es zu schneien. Mitten im Herbst, mitten in der Nacht. Aber es war kein gewöhnlicher Schnee. Wenn ich genau hinsah, erkannte ich, dass jede Flocke ein winziger gefalteter Vogel war, der langsam zur Erde trudelte. Die Stadt füllte sich mit ihnen, Millionen kleiner Papiervögel, die sich auf den Dächern, auf den Straßen, auf den schlafenden Menschen niederließen.

„War die Welt damals heil für mich“, las ich auf dem nächsten Zettel. Und plötzlich war sie es. Die Wohnung löste sich auf, die Wände wurden transparent, dann verschwanden sie ganz. Ich saß nicht mehr an meinem Schreibtisch, sondern am Küchentisch meiner Kindheit. Mein Vater saß neben mir, jung, wie ich ihn nie gekannt hab, und mein Großvater stand am Fenster, rauchte, schaute hinaus auf eine Landschaft, die es nie gegeben hat – Berge aus gefalteten Zeitungen, Flüsse aus flüssiger Tinte.

„Pass auf“, sagte mein Großvater, aber seine Stimme kam aus dem Papier in meinen Händen. „Ohne die Mitte läuft gar nichts.“ Und während er sprach, faltete sich der Flieger von selbst weiter, meine Hände waren nur noch Zuschauer ihrer eigenen Bewegungen.

Der Schwalbenschwanz entfaltete sich wie eine Blume. Die hinteren Flügel spreizten sich, und plötzlich waren es richtige Federn, grau und weich und warm. Der Vogel zitterte in meinen Händen, und dann – ich hab nicht losgelassen, er hat sich einfach befreit – flog er davon. Durch die nicht mehr vorhandene Wand, hinaus in den Schnee aus Papiervögeln.

„Ist Origami eine Resignation?“, hatte jemand gefragt. Der Vogel kam zurück, setzte sich auf meine Schulter und flüsterte mir die Antwort ins Ohr: „Nein. Es ist eine Verschwörung gegen die Zeit.“

Ich verstand nicht, was er meinte, aber dann sah ich es: Überall in der Stadt begannen die Menschen zu falten. Sie erwachten aus ihren Betten, gingen zu ihren Schreibtischen, ihren Küchentischen, ihren Fensterbänken, und ihre Hände falteten. Zeitungen, Rechnungen, Liebesbriefe, Todesnachrichten – alles wurde zu Vögeln. Die Stadt füllte sich mit einem Rauschen von Flügeln, einem Knistern von Papier, das lebendig wurde.

„Trotz Angst ein Risiko eingehen“, las ich auf einem Zettel, der plötzlich vor mir in der Luft schwebte. Und ich verstand: Das war es, was geschah. Wir alle nahmen das Risiko, die Welt neu zu falten, sie anders zu formen, sie fliegen zu lassen.

Mein Vater stand auf. Er war jetzt wieder alt, wie ich ihn in Erinnerung hab, kurz bevor er starb. Aber er lächelte. „Komm“, sagte er. „Ich zeig dir was.“ Er nahm meine Hand – seine war kalt, papieren, aber fest – und führte mich zum Fenster. Draußen war die Stadt verschwunden. An ihrer Stelle erstreckte sich eine Landschaft aus schwebenden Origami-Konstruktionen. Gebäude aus gefalteten Kranichen, Straßen aus Papierschlangen, Bäume aus tausend ineinandergesteckten Blüten.

„Die Taube auf dem Dach ist besser als die Drohne in der Hand“, sagte mein Großvater, der plötzlich neben uns stand, obwohl er vorher am Fenster gewesen war. Oder war er nie am Fenster gewesen? „Aber am besten“, fuhr er fort, „ist die Taube in der Hand, die du selbst gefaltet hast und die dann trotzdem fliegt.“

Er öffnete seine Handfläche. Darin saß ein weißer Vogel, perfekt gefaltet, mit Schwalbenschwanz. Der Vogel sah mich an – er hatte Augen bekommen, echte Augen, dunkel und wissend – und dann sprach er. Mit meiner eigenen Stimme.

„Du hast gedacht, du verlernst das Fliegen“, sagte der Vogel. „Du hast gedacht, die Welt wird nie wieder heil sein. Aber schau: Sie war nie kaputt. Sie war nur anders gefaltet.“

Und dann flog er. Nicht weg, sondern in mich hinein. Durch meine Brust, direkt ins Herz, wo er sich entfaltete, größer und größer wurde, bis ich selbst der Vogel war, bis ich Flügel hatte aus all den Worten, die ich je geschrieben hab, aus all den Geschichten, die ich nie zu Ende erzählt hab.

Ich flog über die Stadt aus Papier, sah hinab auf die Menschen, die alle gleichzeitig falteten und warfen, falteten und warfen. Ihre Vögel stiegen auf zu mir, Tausende, Millionen, ein Schwarm aus Erinnerung und Hoffnung und Wehmut und Trotz.

„Ein Gefühl von Befreiung!“, rief jemand von unten. Ich erkannte die Stimme nicht, aber ich spürte, was sie meinte. Das war es: Befreiung. Nicht von der Vergangenheit, sondern durch sie hindurch. Nicht weg von der Trauer, sondern mit ihr, in ihr, als Teil von ihr.

„Ich wollte wirklich keinen Flieger sehen“, hörte ich eine andere Stimme. Sie klang enttäuscht, resigniert. Aber dann sah ich, wie diese Person – ich konnte ihr Gesicht nicht erkennen, es verschwamm ständig – trotzdem zu falten begann. Widerwillig zuerst, dann konzentrierter. Und als ihr Vogel fertig war, war er schwarz, ein Rabenvogel mit scharfen Kanten, und er flog anders als die anderen: in Spiralen, chaotisch, wütend fast. Aber er flog.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, flüsterte mein Vater, der plötzlich neben mir in der Luft schwebte, selbst ein Vogel geworden, halb Mensch, halb Papier. „Aber sie stirbt.“

„Ja“, sagte ich. „Aber vorher fliegt sie.“

Wir flogen zusammen, über die Stadt hinaus, über die Landschaft aus Origami, bis wir zu einem Ort kamen, den ich nicht kannte und doch erkannte: ein Feld aus hohem Gras, ein Haus am Rand, ein Küchentisch am Fenster. Der Ort meiner Kindheit, aber nicht als Erinnerung. Als Wirklichkeit. Als gegenwärtiger Ort.

Ich landete, wurde wieder Mensch. Meine Hände waren voller Papier, aber es war kein leeres Papier mehr. Es war beschrieben, mit all den Geschichten, die ich hätte erzählen sollen, mit all den Worten, die ich hätte finden müssen.

„Den Moment kann man nicht ausmessen“, sagte mein Großvater, der jetzt am Tisch saß und einen neuen Flieger faltete. „Denn er trägt uns.“

Er warf den Flieger, und er flog durch das Fenster, hinaus in die Welt, die wieder normal war, wieder aus Stein und Beton und Asphalt. Aber ich wusste jetzt: Unter der Oberfläche, unter all dem Festen und Schweren, war die andere Welt noch da. Die Welt aus Papier und Möglichkeit, die Welt, in der alles fliegen kann, wenn man es nur richtig faltet.

Ich erwachte an meinem Schreibtisch. Die Zettel lagen noch da, still jetzt, ohne Atem. Aber meine Hände waren voller Papierschnitte, und auf dem Fensterbrett saß ein weißer Vogel mit Schwalbenschwanz. Er sah mich an, und für einen Moment hätte ich schwören können, dass er lächelte.

Dann flog er davon, und ich begann zu schreiben.

Nicht die Geschichte, die erwartet wurde. Sondern die, die geschehen war. Die Geschichte von der Nacht, als die Vögel zurückkehrten und uns zeigten, dass Resignation nur eine andere Form von Hoffnung ist. Dass Sprachlosigkeit manchmal der Anfang einer neuen Sprache ist. Dass die Welt heil sein kann, wenn man bereit ist, sie neu zu falten.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, hatten sie geschrieben. Aber sie stirbt.

Ja. Aber davor verwandelt sie sich. In Papier. In Flügel. In Flug.

4 Kommentare

  1. Deine Geschichte hat mir besser gefallen, Franz.Sie hatte Struktur und ich mochte sie. entlang gehen.. ich war froh, dass mich die Blätter im Bett bedeckten.Dass man mit des Mondes Mauseloch dem Unheil entrinnen kann, wusste ich nicht.Bringen uns Origamitauben die Antwort herunter? Ich brauche sie.
    Der KI Text war reich an Material , verschwurbelte sich in ihm, wurde selbst zu der Taube, die man fragte; was willst du?Landschaften, Menschen ,Mauern, an die unsere Träume stossen, und alles verfaltet in Origami, mag ein schönes Bild sein, aber es verlässt mich verwirrt von alledem.Resignation eine neue Form von Hoffnung…wie entsetzlich. Sprachlosigkeit der Beginn einer neuen Sprache?Kinder, die im Schock die Sprache verloren haben (gaza) suchen verzweifelt nach ihrer alten Sprache, Kommunikation, Nähe. Oder sollen wir wie die Vögel in der Abenddämmerung unsern letzten Jubel schreien?Die KI kann bald die Sprache der Tiere übersetzen.Wo bleiben wir dann als Könige der Sprache. Ich möchte bei meiner über Jahrtausende entwickelten Sprache bleiben,ich kann jede Lautvreränderung nachvollziehen, das gibt Nähe. Eine neue Sprache brauchen wir nicht,wir brauchen Ehrlichkeit und Wärme in ihr. Und das sehe ich in deinem Text.
    Franz, lass deine Tauben aufsteigen und flieg!

    1. Danke für deine Resonanz. Ja, wir brauchen eine Sprache, in der wir selbst geborgen sind, uns selbst ausdrücken und andere berühren können.

      Der KI-Text war ein Experiment, der meine Haltung, keinen Text zu schreiben und zu lesen, weiterführte, indem nämlich nicht i c h aus den mir geschenkten Texten einen weiteren Text mache, sondern der Zufall, das kollektive gespeicherte Wissen, Algorithmen. An diesem KI-Text hat mich aber stark die Idee berührt, dass wir die Welt falten können, damit sie schön und heile ist und Flügel bekommt (und wir können sie zerknüllen oder zerreißen).

      Du greifst auch besonders die Begriffe Resignation und Sprachlosigkeit auf:
      Natürlich wünschen wir uns keine resignative Haltung im Sinne eines Sich-fügens-ins-Unabänderliche. Denn wir wollen ja wirken und handeln. Aber wir brauchen wohl auch die Erkenntnis, was unabänderlich ist und was änderbar ist. Es gibt eine Resignation die manchmal gut sein kann: als Abdankung, Rücktritt, Verzicht. Daraus kann dann schon neue Hoffnung keimen, wie aus der Langeweile Kreativität.
      Das Wort Resignation passt zu dem Wort Sprachlosigkeit (besser Sprachskepsis). Es ist die Enttäuschung darüber, dass Sprache zu oft lügt oder nicht ernst gemeint ist und aus ihr keine entsprechenden Handlungen erwachsen.

      Statt Sprachlosigkeit würde ich lieber Sprachskepsis sagen. Die Skepsis darüber, ob Sprache wirken will. (nämlich für das Gute, denn sie kann ja auch das Böse wirken, wenn ich diese beiden kindlichen Begriffe hier verwenden darf) Wenn ich da eine Hand voll Wörter hinstreue und es werden einige Tauben satt, oder sie fallen auf fruchtbare Erde und treiben aus, dann ist das ja wunderbar. Und, wenn ich aufrichtig sein will, müsste ich sagen, dass zum großen Teil diese meine Sprachskepsis bei mir daraus erwächst, dass ich den eigenen Worten zu selten die entsprechenden Taten folgen lasse. Ich hätte doch so gerne, dass das, was ich sage, wirklich wird, in welcher Form auch immer. Dass i c h es verwirkliche. In welcher Form auch immer. Natürlich muss dann das Gesagte gut sein.
      Wie man im Mondes Mauseloch dem Unheil entrinnen kann, das musst du Michael Kreutzer fragen, das hat er geschrieben, allerdings mit Fragezeichen versehen.

  2. Ach Franz, Franz, Franzo, weiß gar nicht, was ich sagen will. schreiben soll. Will. Ich hab dich gesehen. Hab dich falten gesehen. hab meine Erwartungen an dich erfüllt gesehen – was Ungewöhnliches, er wird was Ungewöhnliches machen, Und ja, da war es das Ungewöhnliche. Ich hab deine Energie gesehen, aber auch das Zittern deiner Hände, als du den Vogel gefaltet hast. Und trotzdem die Kraft, die Kraft im Knicken des Papiers, im Verstärken der Falten, indem du mit dem Daumen oder den Knöcheln das Gekantete nochmals verstärkt hast, scheinbar total konzentriert auf das Jetzt, den Moment, auf dich selbst und das, was du tust, aber das Zittern verriet dich. Das schreibst du ja auch. Keine Konzentration ist wirklich perfekt. Du hörst, du errätst, was gedacht, geflüstert, geraunt wird. Es ist ein sehr schöner Text, du gibst preis. Und ich liebe es, wie du von deiner Heimfahrt erzählst, wie du dir ein bisschen Dope kaufst und es zu Hause rauchst. Wieder Papier. Wieder ist Geschicklichkeit gefragt. Du kriegst es hin. Klaro. Schwimmen verlernt man ja auch nicht, Drehen desgleichen. Und dann ist Sonntag. Die sieben Tage starten. Mist aber auch, du hast es versprochen. Und du lieferst. Danke dafür.
    Aber nun. Die KI. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich hätte das nicht erwartet. Ich kenne KI Texte aus dem Internet, und die sind über die Maßen langweilig.
    Aber dieses jetzt: So ungewöhnlich. So fein. So zart. Wie ist das möglich? Das sind doch keine Menschen, die das fabrizieren, das sind doch bloß – Dinger! Ja, ja ich weiß, die können in Bruchteilen von Sekunden siebentausend Bücher lesen und zitieren und interpretieren und diskutieren … aber es sind bloß Dinger. Wiklich? Wie lange noch? Ich bin eine große Science Fiction Leserin. Ich iebe SciFi. Daher weiß ich, wie die Künstlliche Intelligenz sich entwickeln wird. Im großen und Ganzen, da ist sich die Nerd-Gemeinde einig mit den Autoren – zum Guten hin. Sie werden bessere Herrscher sein als die Menschen, die seit Jahrmillionen die Welt am Abgrund vorbeischreddern lassen.
    Aber – Hm. ein wenig schaudert es mich.
    Danke für deinen wunderbaren Text, lieber Franz, und für dieses Experiment.
    Annette

    1. Gegenwärtigkeit und Wirkung.
      Ich habe dir, Annette, per Mail geantwortet, diese Antwort ist mehr fürs KDW, genauer für alle Autoren und Autorinnen die gelesen haben.

      Ja, ich habe durch Eure Texte, Erzählungen, Gedichte eine Erkenntnis gewonnen, die ich früher auch immerwieder im Theater hatte. Sie betrifft die Frage:
      Wo ist die Gegenwärtigkeit und damit Wirkung bei Texten, die vorher geschrieben wurden, vielleicht auch schon vor langer Zeit, und dann bloß vorgelesen werden?

      Es ist wie in der Schauspielkunst: Der Text kann 2000 Jahre alt sein, er wird gegenwärtig und lebendig in der Präsenz des Schauspielers.

      Und so habe ich es bei Texten von Euch auch gespürt:
      Es gab diese Präsenz der Lesenden, die Texte, Gedichte und Erzählungen ganz gegenwärtig und lebendig macht, gleich wie lange es her ist, dass sie geschrieben wurden. Die Texte werden dann im besten Fall nicht gelesen, sondern gesprochen.
      Voraussetzung für diese Präsenz ist Selbstbewusstsein und der Glaube an die Kraft des eigenen Textes.

      Und wie ist es dann, wenn es keinen Schauspieler und keine Lesende gibt? Wenn der Text nur als Schrift, als loses Blatt, als Buch vorliegt? Ja, dann muss da wohl etwas Zaubersalz hineinverarbeitet worden sein, damit die Lesenden angestiftet werden, durch ihre Präsenz, den Text, indem sie ihn durch den ganzen Körper fließen lassen, lebendig zu machen.

      Wie ich an Annette geschrieben habe: die Lesung war umfassend und umarmend, sie hat alle lebenden und auch die von uns gegangenen Autoren und Autorinnen gewürdigt.

      Danke.

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