kreuzberger dichtungswerk

Annette John, Wiedersehen in Reims (Verbeulter Mond II)

Eines Morgens, als er von der Nachtwache nach Hause kam, wusste er, dass es Zeit war zu gehen. Er zog den kleinen Rollkoffer aus der Abstellkammer und begann zu packen. Etwas Wäsche zum Wechseln, ein paar T-Shirts, einen Pullover, Wasch- und Rasierzeug, seine Umhängetasche mit Computer, Ausweis und Kreditkarten, fertig. Er würde mit leichtem Gepäck reisen, es war Sommer, und er hatte nicht vor, in den Norden zu fahren. Nein, er würde die Route nehmen, die lange vor ihm andere Flüchtlinge aus dieser Stadt genommen hatten, nach Paris würde er fahren, dann in den Süden hinunter, ans Mittelmeer. Von da aus würde er weitersehen. Italien vielleicht oder Spanien, wohin auch immer sein Stern ihn führen würde.

Sein Stern. Er lachte scharf und bitter. Wie lange hatte er keine Sterne mehr gesehen? Zu lange. Es gab keine mehr. Nacht für Nacht war der Himmel schwarz, als bestünde er aus erkalteter Lava. Der einzige Himmelskörper war und blieb der verdorbene Mond. Ja, verdorben, das war er, dieses verbeulte, verschleierte Stück Mist, und es verdarb alles, was hier unten lebte oder zu leben versuchte.

Der alte Harry, der als eine Art informeller Anführer ihrer Gruppe fungierte, glaubte, sie rutschten Abend für Abend in eine andere Dimension, nur sie, die Leute von der Nachtwache, eine Dimension, die neben oder in der anderen, der normalen, existierte.  „Slip“, so nannte Harry das Phänomen, eine irrwitzige Erklärung, aber die einzige, die sie hatten. Im Laufe des Vormittags slippten sie wieder zurück, die verdreckten Korridore, die Kratzspuren, alles verschwand wie nie gewesen, und vielleicht war es das ja auch, nie gewesen. Vielleicht waren sie alle verrückt.

Einmal war er etwas später als sonst von der Nachtwache zurückgekommen, nur wenige Minuten, und hatte seinen Nachbarn getroffen, der sehr früh zur Arbeit musste. Der junge Mann war aus seiner Wohnung getreten, hatte verschlafen einen Gruß gemurmelt und war davon geschlurft Richtung Aufzug. Mitten durch all den Dreck, den die bösartigen Kleinen hinterlassen hatten, und nichts hatte er bemerkt, der Nachbar. Nichts. Weil es für ihn nichts zu bemerken gab, da war nichts.

Von da an achtete er darauf, diesem Nachbarn nicht mehr zu begegnen, es war zu deprimierend. Vor allem seit Rachel verschwunden war. Erst Beate, die Frau mit der köstlichen Linsensuppe, dann Fritzi, die kleine Rothaarige, die den „Verborgenen Eliten“ die Schuld gab, dann Rachel. Gerade, als er sich an sie gewöhnt hatte, als er gelernt hatte, zu akzeptieren, dass er sie mochte, obwohl sie ganz anders war als die Frauen, für die er sich sonst interessierte. Zehn Jahre älter als er. Klein und mollig. Dunkelhaarig mit Silberfäden in den Locken. Es hätte was werden können mit ihnen beiden.  

Er griff nach seinem Gepäck, steckte die Schlüssel ein, seinen und den von Rachel, den sie ihm gegeben hatte, und verließ die Wohnung.

Unten im Foyer warf er beide Schlüssel in Harrys Briefkasten. Erst hatte er sich persönlich verabschieden wollen, doch nun ließ er es bleiben, ihm war nicht danach. Vor allem, weil er wusste, was Harry ihm sagen würde: „Man kann dem Mond nicht davonlaufen, Erik. Nicht auf dieser Erde.“

Abwarten, dachte er.

Sein Auto, ein alter Volvo-Kombi, stand ein paar Straßen weiter. Er säuberte die Scheiben mit Spray und Küchenrolle, die er zu diesem Zweck im Kofferraum aufbewahrte, warf sein Zeug auf die Rückbank und fuhr nach einem kurzen Tankstellenstopp auf die Autobahn. Die war voll wie immer um diese Zeit, aber er kam ganz gut durch. Er fuhr und fuhr und dachte an Rachel. Ihren Humor, ihr tiefes Lachen, ihren weichen Körper, an den er sich so gerne geschmiegt hatte. An ihren letzten gemeinsam verbrachten Nachmittag. Er hatte nicht gewusst, dass es der letzte sein würde. Als der Wecker um Mitternacht klingelte, war sie aufgestanden, um in ihrer Wohnung zu duschen und sich umzuziehen. Er hatte gewartet bis kurz vor zwei, doch sie war nicht gekommen, um ihn abzuholen. Das war merkwürdig, aber wirkliche Sorgen hatte er sich nicht gemacht, verärgert war er gewesen und nach oben geeilt, fest überzeugt, sie dort zu treffen, hatte sich schon eine kleine, vorwurfsvolle Rede zurechtgelegt. Doch sie war nicht oben, sie war nirgends, sie war und blieb verschwunden. Ebenso wie vorher Beate und Fritzi. Drei Frauen. Alle um die Mitte vierzig. Hatte das etwas zu bedeuten? Fraßen die bösartigen Kleinen mittelalte Frauen? Oder fraßen sie erst die Frauen und sparten sich die Männer für später auf? Entführten sie Menschen? Drehten sie sie um, machten sie Zombies aus ihnen?

Er war schrecklich müde. Irgendwann hatte er die Grenze passiert, ohne darauf zu achten. Die Richtungsschilder trugen die Namen französischer Orte. Reims war nicht mehr weit, Paris also auch nicht. Zwei Stunden vielleicht. Lächerliche zwei Stunden, kein Problem, er würde noch bei Helligkeit ankommen, so wie er es sich vorgenommen hatte. Nicht gut, in diesen Zeiten bei Dunkelheit zu fahren, nicht, wenn man ein „Slipper“ war. Er ginste. Neues Wort. „Slipper“. Doch er brauchte eine Pause, außerdem war der Tank fast leer. An einer Raststätte füllte er ihn auf und fuhr anschließend auf den Parkplatz vor dem Shop. Er hatte Glück, den letzten freien Platz zu ergattern, es herrschte viel Betrieb. Das war normal. Reims war eine Großstadt, und Paris war nicht weit. Erst jetzt fielen ihm die Mautstationen ein. Er musste etliche passiert haben, doch er hatte keine Erinnerung. Er brauchte wirklich eine Pause. Er kaufte sich einen Kaffee und zwei Stück Kuchen, und noch einen Kaffee, den er zum Auto trug. Er trank ihn hinter dem Steuer, doch der Kaffee wirkte nicht, er wurde immer müder, er hätte weinen können vor Müdigkeit. Sein Auto war fünftüriger Kombi. Er räumte sein bisschen Gepäck auf den Beifahrersitz, klappte die Rückbank um, ringelte sich auf der so entstandenen Ladefläche zum Schlafen ein. Nur ein kleines Nickerchen, dachte er. Nur die müden Augen ausruhen, zehn Minuten, höchstens fünfzehn.

Was für eine hoffnungsvolle Zeit er gehabt hatte, trotz all des Grauens. Er hatte jeden Vormittag an seinem Roman gearbeitet. Er hatte die Gruppe gefunden, die Nachtwache im Neunten Stock. Gefährten, ja, das waren sie, Gefährten im Ungewissen. Und Rachel, ach Rachel! Es hätte was werden können mit ihnen.

Nicht schlafen!, schrie der Ritter. Er trug schwarzes Leder und Kettenhemd und Schwert und Hellebarde, und mit letzterer stampfte er auf den steinernen Fußboden. Sie waren in einer riesigen Halle, viele Leute, alte und junge, Männer, Frauen und Kinder, Elendsgestalten, bleich und krank sahen sie aus, verdreckt und halb verhungert, konnten sich kaum noch auf den Beinen halten. Doch der Ritter trieb sie an, scheuchte sie zu einem Loch im Boden, und einer nach dem anderen verschwand darin, wurde hinabgelassen an Seilen, während von draußen, vom Burghof, Schreie hereindrangen, Waffengeklirr. Die Feinde hatten die äußeren Mauern überwunden, jeden Moment konnten sie auch diese letzte Zuflucht erobern.

Und plötzlich war der riesige Raum leer, Unrat lag herum, Kleiderbündel, zerbrochenes Essgeschirr, Trinkschalen, Felle, Tierkadaver, Fackeln rauchten. Im Burghof zuckten Flammen. In einer Ecke, halb liegend, halb sitzend kauerte der Ritter und schlief wie ein Stein.

„Nicht schlafen!“, stöhnte er. Er. Er war nicht der Ritter, aber er erinnerte sich an ihn. Vor Jahren hatte er über ihn geschrieben, ein populärwissenschaftliches Buch über die Katharerkreuzzüge. Nicht als Autor, als Geist. Er schrieb für Leute, die viel wussten, aber nicht schreiben konnten. Er hingegen wusste wenig, konnte aber schreiben. Das war sein Job, Ghostwriter, oder es war sein Job gewesen, jetzt schrieb er unter seinem eigenen Namen.

Jetzt lag er verkrümmt in einem engen Raum und schlief. Das sollte er nicht, genauso wenig wie der Ritter. Es war schlecht ausgegangen für den Ritter, ganz schlecht, er hätte fliehen sollen mit den anderen, aber er war zu müde gewesen. Verdammt, mach schon endlich die Augen auf.

Es war stockdunkel. Er musste Stunden geschlafen haben. Schwerfällig, mit steifen Gliedern, kämpfte er sich in die Hocke, begriff, wo er war, schaute aus dem Heckfenster, den Seitenfenstern, der Frontscheibe. Kein Licht. Keine Geräusche. Instinktiv wusste er, dass er völlig allein war. Kein anderes Auto, kein anderer Mensch. Unmöglich, so etwas gab es nicht. Autobahntankstellen blieben die ganze Nacht über geöffnet, erst recht die zwischen großen Städten. Er sah auf seine Uhr, fast zwei. Bald musste es losgehen, bald würden sie kommen, zumindest, wenn es hier so laufen würde wie zu Hause. Er hievte sich nach vorne, griff zitternd nach dem Schlüssel, verharrte kurz. Was wenn … wenn sich nichts tun würde, wenn er hier gestrandet war, nie wieder wegkommen würde. Tief einatmend drehte er den Schlüssel, und mit sattem Brummen und leichtem Zittern erwachte der Motor. Guter alter Volvo. Treuer, skandinavischer Bär. Die Scheinwerfer spiegelten sich im Fenster des Tankstellenshops, blendeten ihn, sodass er im Inneren des Ladens nichts erkennen konnte. Aber er würde den Teufel tun und nachsehen. Er legte den Rückwärtsgang ein, fuhr langsam zu den Zapfsäulen zurück. Sie waren dunkel, alles war dunkel. Keine Preisschilder leuchteten, keine Reklameschilder. Kein anderes Auto war zu sehen, kein Geräusch drang von der nahen Autobahn.

Sollte er fahren? Ja, sofort!, schrie alles in ihm. Aber er hatte ein Problem, sofort ging nicht, er hatte einen entsetzlichen Druck auf der Blase. Er musste pinkeln, jetzt gleich, und wenn es das letzte war, das er tat.

Wenn schon, dachte er. Irgendwann kommt für jeden mit irgendwas das letzte Mal. Und wenn es Pinkeln war, dann war es eben so.

Er stieg aus, entfernte sich nur wenige Schritte vom Auto, ließ die Fahrertür offen, Scheinwerfer und Innenbeleuchtung angeschaltet. Während er sich erleichterte, hielt er den Kopf gesenkt, beobachtete den Strahl, der aus ihm herausströmte und auf dem Asphalt verrann. Auf keinen Fall wollte er nach oben schauen, in den Himmel hinauf. Aber als er fertig war, tat er es doch, es war wie ein Zwang. Und da war er, natürlich, der ekelhafte verbeulte Mond hinter seinem Schleier, mit bloßem Auge kaum zu erkennen, doch er hatte ihn ja oft genug durch das Fernglas gesehen. Wehmut erfasst ihn. Er dachte an die anderen, die Kameraden von der Nachtwache, oben im neunten Stock. Sie sahen dasselbe wie er, erschauerten im selben Grauen, aber sie waren nicht allein.

 Ein Geräusch erwachte, durchbrach die vollkommene Stille. Eine Art Flüstern, Raunen, Rascheln und ja, Kratzen. Entsetzt sprang er ins Auto, knallte die Tür zu, drückte den Knopf für die Zentralverriegelung, startete den Motor, schaffte es, ihn nicht abzuwürgen und fuhr los mit quietschenden Reifen. Er nahm die Ausfahrt von der Tankstelle, blickte routinemäßig in den Spiegel, als er sich auf die Autobahn einfädelte, doch von Einfädeln konnte nicht die Rede sein, er war völlig allein. Das Navi leuchtete zwar, aber es funktionierte nicht. Wie denn auch, dachte er grimmig, unter einem Himmel aus Lavagestein. Kein Problem, er würde eben den Hinweisschildern folgen. Aber das war doch ein Problem, es gab keine Hinweisschilder, jedenfalls keine, die er lesen konnte. Sie waren da, das schon, aber sie reflektierten nicht. Sie blieben dunkel. Fast schien es, als seien sie übermalt oder mit Farbe beworfen oder mit Dreck. Ja, mit Dreck. Von einem tropfte etwas herab, als er darunter durchfuhr, landete mit ekelhaftem Klatsch auf der Frontscheibe. Mühsam nur wurden die Scheibenwischer und die Wisch-Wasch-Anlage damit fertig.

Okay, kein Navi, keine Wegweiser, dachte er. Aber ich bin auf der Hauptstrecke nach Paris. Ich fahre einfach immer weiter, immer auf der Hauptstrecke, halte mich links, ignoriere alle rechts abweichenden Ausfahrten. Das wird schon klappen. Immer auf der Hauptstrecke, immer auf der Hauptstrecke, ein guter Rhythmus, er hätte gerne Musik gehabt. Das Radio funktionierte nicht, auch nicht das Handy. Aber sein Auto hatte einen CD-Player. Blind tastete er in der Ablage, fischte eine Scheibe heraus, schob sie ein. Johnny Cash, I walk the line, sehr gut.

Er fuhr und fuhr. Johnny sang. Draußen war Dunkelheit. Keine Lichter, kein Leben. Keine Mautstationen. Einmal hatte er das Gefühl, die Fahrbahn sei voller Schlamm. Die Reifen sangen so seltsam. Drohten wegzuschlieren. Er verringerte das Tempo, und es ging vorbei.  Und einmal hatte er das Gefühl, etwas liefe neben ihm. Er konnte es nicht sehen, es war nur ein Gefühl. Er wollte es auch nicht sehen.

Johnny sang. Die CD endete und begann von Neuem. Er wusste nicht, wie oft sie das schon getan hatte, er fuhr und fuhr. Paris, dachte er. Klingt wie Paradies. Zwei Stunden, so hatte er gerechnet, zwei Stunden von Reims aus. Wie lange konnten zwei Stunden sein? Sehr lange, das wusste er von den Nachtwachen. Er fuhr und fuhr. Und dann, endlich, im Rückspiegel, war da ein Schein. Es wurde hell. Vier Uhr, halb fünf schon.  Andere Autos tauchten auf. Die Hinweisschilder wurden lesbar. Jedoch blieben sie unverständlich, denn wenn ihn nicht alles täuschte, zeigten sie dieselben Ortsnamen, die er bereits passiert hatte, vor vielen Stunden, gestern, auf dem Weg von Osten nach Westen, auf dem Weg nach Reims. Und da war sie, da war die Tankstelle, da war die Voranzeige, fünf Kilometer noch. Was zum Teufel, wo zum Teufel, wohin zum Teufel war er gefahren, Stunde um Stunde während Johnny gesungen hatte, wieder und wieder dieselben Songs?

Tausend Meter noch. Sollte er abfahren? Nein. Ja. Er musste. Ohne den Blinker zu setzen, scherte er aus nach rechts, ignorierte das Hupen des Fahrers hinter ihm, sauste viel zu schnell an den Zapfsäulen vorbei, parkte vor dem Shop, auf dem gleichen Platz wie am Abend zuvor. Und sank über dem Steuer zusammen, das war theatralisch, das wusste er, aber er konnte nicht anders. Er hätte gerne geheult. Er hätte es getan, wenn nicht jemand an die Scheibe geklopft hätte. Eine Frau stand da. Sie war nicht besonders groß und ein bisschen mollig. Ihr Haar war dunkel und lockig und leicht angegraut. Sie hielt einen Kaffeebecher in der Hand.

„Rachel?“, fragte er fassungslos.

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