kreuzberger dichtungswerk

Sabine Wilde, Die Klingelanlage

Inge wollte kommen. Der Kaffee war zubereitet, der Kuchen stand auf dem Tisch. Es vergingen eine viertel Stunde, dann eine halbe und ich war unruhig und frustriert vom Warten, wo blieb sie?, hatte sie mich vergessen? Dann klingelte das Telefon und eine weibliche Stimme fragte wütend, wo ich nur wäre, sie hätte dreimal geklingelt und 10 Minuten vor der Tür gestanden. Ich war ratlos, kein Klingelton war an mein Ohr gedrungen. Doch Inge glaubte, ich hätte sie vergessen, und legte eingeschnappt auf. Nun hatte ich schlechte Laune und war meinerseits zornig auf sie. Ich nahm mein Lieblingsbuch und lenkte mich mit Lesen ab.

Am nächsten Tag ging ich zum Briefkasten. Eine Karte lag darin und fast schon bedrohlich stand darauf, das die Heizkostenableser schon zweimal dagewesen wären und mich nicht angetroffen hätten, sie forderten 70 Euro für eine erneute Ablesung. Ich war entsetzt, konnte ich mich doch erinnern, dass ich vormittags meistens zu Hause war, um im Homeoffice zu arbeiten. Ich rief die angegebene Telefonnummer an und beschwerte mich, allerdings ohne Erfolg.

Nach ein paar Tagen fraß mich der Alltag wieder und ich vergaß die kleinen Querelen. Dann bestellte ich bei REWE Lebensmittel, das war für mich bequem und der Kühlschrank war immer voll. Das Internet versprach, dass sie bis 16 Uhr geliefert würden.  Ich harrte bis 20 Uhr aus, aber keine Lieferung erfolgte.

Ich wurde stutzig. Waren da etwa schwarze Mächte im Spiel, die meine Lebensader boykottierten? Wann würde mein Computer ausfallen, wann der Fernseher nicht mehr gehen? Schlimmer noch, würde ich mir bald ein Bein brechen oder in die totale Isolation geraten? Verängstigt und hilflos ließ ich mich auf die durchhängende Couch fallen. Es klopfte. Zögerlich öffnete ich die Tür. Meine Nachbarin. „He, du lebst ja noch, habe mindestens schon dreimal bei dir geklingelt, ich glaube deine Klingelanlage ist defekt.“ Das war des Rätsels Lösung, endlich!

Am Morgen rief ich den Reparaturdienst an, sie sagten zu, in zwei Stunden zu kommen. Mir fiel ein Stein vom Herzen, warum war ich nicht schon früher darauf gekommen?

Der Reparaturdienst kam nicht, nicht am selben Tag und auch nicht am nächsten. Mürrisch rief ich nochmals an.

„Aber meine Dame, wir haben geklingelt und eine halbe Stunde gewartet, sie waren wahrscheinlich nicht zu Hause.“ Die Antwort haute mich um.

„Aber meine Klingelanlage ist doch kaputt“, schrie ich hysterisch in den Hörer.

„Oh, wirklich“, erklang es vom anderen Ende der Leitung.

2 Kommentare

  1. Sehr hübsch. Und so bekannt!
    Meine Klingelanlage war auch kaputt, monatelang. Alle, die mich besuchen wollten, mussten mich von der Straße aus anrufen oder, wenn sie kein Handy hatten, sich genau an die verabredete Zeit halten, damit ich sie unten vor der Haustür erwarten konnte.
    Mittlerweile ist die Anlage repariert, aber ich habe es wochenlang nicht bemerkt. Weil, es ist ja Corona. Keiner kommt mich mehr besuchen.

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